Warum versteht mein Pferd mich nicht?
- 18. Juni
- 7 Min. Lesezeit
„Warum versteht mein Pferd mich nicht?“
Diese Frage habe ich in den letzten Jahren unzählige Male genau so gehört, oder etwas anders.
„Warum macht mein Pferd das nicht?“
„Warum hört es nicht auf mich?“
„Warum reagiert es so komisch?“
„Warum läuft es weg?“
„Warum vertraut es mir nicht?“
Und jedes Mal werde ich neugierig. Denn hinter dieser Frage steckt etwas, das weit größer ist als das Verhalten eines Pferdes.
Als Kind und Jugendliche hatte ich oft das Gefühl, dass ich die Pferde besser verstand als die Menschen um mich herum. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber schon damals saß ich in Reitstunden und stellte mir Fragen, die scheinbar niemand sonst stellte.
Warum wird dieses Pferd als schwierig bezeichnet?
Weshalb wird dieses Pferd bestraft?
Wieso wird dieses Pferd korrigiert?
Und warum fragt niemand, warum es sich überhaupt so verhält?
Damals war die Pferdewelt vielerorts eine andere als heute. Es ging um Gehorsam und um Kontrolle. Eigentlich ging es nur um Leistung. Pferde wurden immer in Boxen gehalten, 23 Stunden am Tag. Hilfszügel gehörten zum Alltag, Sättel wurden oft nicht hinterfragt, einen Sattler kannte ich gar nicht. Es wurde geritten, weil man eben so ritt.
Heute haben viele dieser Methoden Namen bekommen. Wir diskutieren über Hyperflexion, Rollkur, Stresssignale und biomechanische Zusammenhänge. Vieles wird glücklicherweise kritischer betrachtet als früher.
Doch obwohl sich vieles verändert hat, begegnet mir die eigentliche Frage noch immer.
Warum versteht mein Pferd mich nicht?
Vielleicht liegt das Problem darin, dass wir die Frage falsch herum stellen.
Vielleicht versteht dein Pferd dich längst.
Ziemlich sicher versteht es sogar viel mehr von dir, als dir bewusst ist.
Pferde beobachten uns ununterbrochen, jede einzelne Sekunde nehmen sie uns und ihre Umgebung wahr. Sie lesen Bewegungen, Herzfrequenz, Atmung, Blickrichtungen, Muskeltonus und emotionale Zustände. Sie reagieren auf Dinge, die wir selbst oft gar nicht bemerken.
Während wir Menschen glauben, wir würden hauptsächlich über Worte und Körpersprache kommunizieren, lebt das Pferd in einer Welt, in der Worte nahezu bedeutungslos sind.
Es nimmt wahr, ob wir innerlich klar sind, ob wir uns sicher fühlen.
Es nimmt wahr, ob wir etwas sagen und gleichzeitig etwas völlig anderes empfinden.
Und genau dort beginnen viele Missverständnisse.
Ein Mensch sagt: „Komm zu mir.“
Das Pferd hört die Worte nicht.
Es erlebt die Körpersprache und die spricht etwas anderes. Menschen erleben sich viel zu oft, abgeschnitten von ihrer Innenwelt.
Und manchmal entscheidet sich das Pferd deshalb für etwas anderes als das, was wir uns wünschen.
Allerdings nicht weil es uns ärgern möchte, oder weil es dominant ist.
Auch ein häufig genannter Grund ist dann, weil es Respektlos ist.
Es auf das reagiert auf das, was tatsächlich da ist.
Wenn ich heute auf meine vielen Jahre mit Pferden zurückblicke, dann wird mir bewusst, wie oft Pferde versucht haben, mit uns zu sprechen.
Wenn wir es nicht einfangen können auf der Weide, wenn es ständig ausweicht beim Putzen, oder beim trensen und satteln nach dem Menschen schnappt.
All das wird häufig als Problem betrachtet.
Doch was wäre, wenn es eine Botschaft ist?
Was wäre, wenn das Verhalten nicht das Problem ist, sondern die Sprache?
Was wäre, wenn das Pferd versucht, uns etwas mitzuteilen?
Diese Sichtweise hat mein gesamtes Leben mit Pferden verändert.
Denn irgendwann habe ich aufgehört zu fragen:
„Wie bekomme ich das Pferd dazu?“
Und begann zu fragen:
„Was versucht mir das Pferd gerade zu zeigen?“
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied.
So kamen im Laufe der Jahre immer wieder Pferde zu mir, die als schwierig, widersetzlich oder traumatisiert beschrieben wurden. Pferde, die nicht verladen werden wollten. Pferde, die Menschen nicht an sich heranließen. Pferde, die schnappten, traten oder innerlich längst aufgegeben hatten.
Und je mehr ich ihre Geschichten kennenlernte, desto häufiger stellte ich mir dieselbe Frage...
Wie würden wir Menschen reagieren, wenn wir an ihrer Stelle wären?
Da waren Stuten, deren Leben sich über Jahre fast ausschließlich um Zucht drehte. Jahr für Jahr dieselben Abläufe. Rosse, Tupferprobe, Ultraschall, Besamung, Trächtigkeitskontrolle. Und wenn keine Trächtigkeit festgestellt wurde, begann derselbe Kreislauf mit der nächsten Rosse erneut.
Manche dieser Stuten wurden für Untersuchungen sediert. Manche mussten fixiert werden, weil sie sich gegen die Eingriffe wehrten. Manche hatten gelernt, stillzuhalten, weil Widerstand ohnehin nichts veränderte.
Was wir dabei oft vergessen, der Körper vergisst nicht.
...auch wenn ein Pferd nicht darüber sprechen kann.
...auch wenn es keine Worte für seine Erfahrungen findet.
...auch wenn die Maßnahmen medizinisch begründet oder wirtschaftlich sinnvoll erscheinen mögen.
Der Organismus macht Erfahrungen und Erfahrungen hinterlassen Spuren.
Dann schauen wir Jahre später auf dieselbe Stute und wundern uns vielleicht darüber, dass sie sich Menschen gegenüber vorsichtig verhält. Dass sie Berührungen nicht merh genießen kann. Dass sie während der Rosse gereizter reagiert oder in bestimmten Situationen plötzlich Spannungen zeigt.
Wir sehen das Verhalten, doch die Geschichte dahinter bleibt oft unsichtbar.
Ähnlich geht es den meisten Fohlen.
Sie wachsen die ersten Monate ihres Lebens an der Seite ihrer Mutter auf. Doch nicht selten werden sie nach einem halben Jahr von ihr getrennt und anschließend in Jungpferdegruppen integriert. Gruppen, in denen häufig keine erfahrenen erwachsenen Pferde mehr vorhanden sind, die Orientierung, Sicherheit und soziale Stabilität vermitteln könnten.
Für uns Menschen erscheint das oft normal, weil es seit Jahrzehnten so gemacht wird.
Doch wenn wir beginnen, Pferde als soziale Wesen zu betrachten, entsteht eine andere Frage:
Was bedeutet das eigentlich für ein junges Pferd?
Was bedeutet es für seine Entwicklung?
Was bedeutet es für sein Nervensystem?
Was bedeutet es für seine Fähigkeit, später Beziehungen einzugehen?
Ich habe darauf keine einfachen Antworten.
Aber ich habe gelernt, dass viele Verhaltensweisen plötzlich verständlicher werden, wenn wir anfangen, die Lebensgeschichte eines Pferdes mitzudenken.
Vielleicht ist das Pferd gar nicht schwierig, möglicherweise trägt es lediglich Erfahrungen in sich, die wir bisher nicht gesehen haben.
Und vielleicht beginnt echtes Verstehen genau dort.
Eben nicht beim Verhalten.
Sondern bei der Geschichte hinter dem Verhalten.
In Wahrheit verändert diese Frage alles.
Plötzlich geht es nicht mehr um Kontrolle.
Es geht um Beziehung und Verbindung.
Überhaupt geht es nicht mehr darum, wer Recht hat.
Es geht darum, gemeinsam etwas zu verstehen.
Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele Pferde kennengelernt. Traumatisierte Pferde, missverstandene Pferde, viele Pferde mit körperlichen Schmerzen. Pferde, die längst aufgegeben hatten. Aber auch Menschen, die verzweifelt waren, weil sie ihrem Pferd helfen wollten und nicht wussten wie.
Und immer wieder zeigte sich etwas Spannendes.
Die Lösung lag selten dort, wo alle suchten.
Nicht im besseren und noch mehr Equipment, oder gar in der nächsten Methode.
Es liegt in einem tieferen Verständnis dessen, was zwischen Mensch und Pferd geschieht.
Genau deshalb habe ich begonnen, mich intensiv mit Kommunikation, Nervensystemen, Human Design, Horse Design und den vielen unsichtbaren Ebenen von Beziehung auseinanderzusetzen.
Ich habe nie eine weitere, oder neue Methode gesucht, ich wollte es verstehen.
Und weil ich das Versprechen einlösen wollte, das ich mir als Kind gegeben hatte.
Den Pferden eine Stimme zu geben.
Heute tue ich das durch meine Bücher, meine Kurse, meine Analysen, meine Communities und meine tägliche Arbeit mit Menschen und Pferden.
Doch eigentlich geht es immer um dieselbe Frage.
Wie können wir lernen, wieder zuzuhören?
Denn die meisten Pferde sprechen die ganze Zeit.
Wir haben nur verlernt, ihre Sprache wahrzunehmen.
Vielleicht stehen wir heute an einem Wendepunkt und wir erleben gerade eine Zeit, in der immer mehr Menschen bereit sind, Pferde nicht länger als Sportgerät, Freizeitpartner oder Problemlöser zu betrachten.
Sondern als fühlende Wesen mit eigenen Bedürfnissen, Wahrnehmungen und Erfahrungen.
Das ist genau das der Grund, warum viele der alten Systeme nicht mehr funktionieren.
Weil sich etwas verändert, weil die Pferde sich verändern.
Und weil sich die Menschen verändern.
Und weil Beziehung etwas anderes verlangt als Gehorsam.
Wenn du mich heute fragst, warum dein Pferd dich nicht versteht, dann würde ich wahrscheinlich antworten:
Bist du sicher, dass dein Pferd dich nicht versteht?
Oder könnte es sein, dass es dich sogar sehr gut versteht und lediglich versucht, dir etwas mitzuteilen, das du bisher noch nicht hören konntest?
Diese Frage lohnt es sich, einen Moment länger wirken zu lassen.
Denn manchmal beginnt genau dort eine völlig neue Beziehung zwischen Mensch und Pferd.
Und vielleicht sind genau diese Pferde die Vorboten einer neuen Zeit.
Pferde, die nicht mehr einfach funktionieren.
Pferde, die uns auffordern hinzusehen.
Pferde, die uns einladen, bewusster zu werden.
Pferde, die uns zeigen, dass wahre Kommunikation weit über Worte hinausgeht.
Für mich ist das keine Krise der Pferdewelt, das ist für mich Evolution.
Denn es werden neue Pferde kommen.
Oder sie sind sogar schon längst da.
Pferde, die sich nicht mehr so leicht anpassen. Pferde, die uns deutlicher zeigen, wenn ihre Grenzen überschritten werden. Pferde, die sich nicht mehr bereitwillig in die bestehenden Systeme einfügen, die ihren Bedürfnissen nicht entsprechen.
Manchmal werde ich gefragt, ob die Pferde schwieriger geworden sind.
Ich denke nicht, dass sie schwieriger geworden sind, ich glaube, sie sind einfach ehrlicher geworden.
Oder vielleicht sind wir heute überhaupt erst in der Lage, ihre Ehrlichkeit wahrzunehmen.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, begegnen mir immer wieder Pferde, die nicht mehr bereit waren, einfach nur zu funktionieren. Pferde, die körperlich gesund erschienen und dennoch deutlich machten, dass etwas nicht stimmte. Pferde, die sich bestimmten Menschen verweigerten und anderen bereitwillig folgten. Pferde, die auf feinste Veränderungen reagierten und oft schon lange vorher etwas wahrnahmen, bevor die Menschen es bemerkten.
Viele dieser Pferde wurden als schwierig bezeichnet, es waren die Problempferde.
Doch was, wenn sie lediglich begonnen haben, deutlicher zu kommunizieren?
Was, wenn das, was wir als Problemverhalten bezeichnen, in Wirklichkeit ein Ausdruck von Bewusstsein ist?
Vielleicht erleben wir gerade einen Wandel in unserer Beziehung zu Pferden.
Früher standen Pferde vor allem im Dienst des Menschen. Sie zogen Kutschen, arbeiteten auf den Feldern, trugen Soldaten in Kriege und später unsere sportlichen Ambitionen.
Heute beginnt sich langsam etwas zu verändern.
Immer mehr Menschen wünschen sich keine Sportgeräte auf vier Beinen mehr.
Sie wünschen sich Beziehung und sie wünschen sich Verbindung.
Sie wünschen sich auch ein Pferd, das nicht aus Angst gehorcht, sondern aus Vertrauen mitgeht.
Und genau hier entsteht etwas Neues.
Denn Beziehung lässt sich nicht erzwingen.
Vertrauen lässt sich nicht antrainieren.
Verbindung lässt sich nicht kaufen.
Sie entsteht dort, wo zwei Lebewesen beginnen, einander zuzuhören.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe, vor der wir heute stehen.
Nicht bessere Techniken zu entwickeln oder noch mehr Kontrolle zu erlangen.
Sondern wieder zu lernen, wahrzunehmen.
Denn möglicherweise lautet die Frage gar nicht:
„Warum versteht mein Pferd mich nicht?“
Sondern:
„Bin ich bereit zu verstehen, was mein Pferd mir längst erzählt?“





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